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Kritische Politik-
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Rezension








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Karl Heinz Roth/Die globale Krise/VSA 2009
Rezension, Teil 1

Roth zeichnet im wesentlichen chronologisch den Entwicklungsgang der Wirtschafts- und Finanzkrise
seit 2008 und die Abfolge der Kriseninterventionen der Einzelstaaten wie der politischen
Wirtschaftsgemeinschaften oder internationaler Finanz- oder Wirtschaftsorganisationen auf.
Diese Ansammlung statistischen Materials oder beschreibende Darstellung waere eigentlich erst der
Anfangs- und Ausgangspunkt einer analytischen Aufbereitung, also einer polit-oekonomischen
E r k l a e r u n g der aufgezeigten Krisenphaenomene. In dieser Hinsicht mangelt es jedoch entscheidend
in dem Buch von K.H. Roth.
Andererseits ist es nicht bloss beschreibendes Abbild der Krisenlage v.a. in Europa und USA seit 2008.
Insbesondere die Art und Weise, wie der Autor die Stellung und die Eingriffstaetigkeiten der Staatenwelt
referiert, laeuft dies nicht auf eine schlichte Wiedergabe der Interventionstatbestaende auf der
Staatenebene hinaus. Sondern die politische Sicht auf die Wirtschafts- und Finanzkrise und deren
Ergebnisse sowie die interventionistischen Massnahmen der politischen Aufsichtsinstanzen werden
im Grossen und Ganzen unkritisiert stehen gelassen, also implizit befuerwortet. Der darin enthaltene
Standpunkt der Umsorgung des untersuchten Gegenstandes, der Zustand der kapitalistischen
Oekonomien in einer Krisenphase, ist das Gegenteil von wissenschaftlich korrekter Kritik. Welche
fehlerhaften Implikationen dies mit sich bringt, wird in einer Fortsetzung dieser Rezension beispielhaft
an den wirtschafts- und finanzpolitischen "Anti-Krisen-Programmen" bzw. an der darin angelegten
sozusagen praktizierten Ideologie der Staaten aufgezeigt.

E x k u r s
Der aufmerksame Leser wird sich sicherlich fragen, wo Aussagen über die Krisenursache gemaeß dem
Drei-Schritt Krisenursache, Krisenverlauf, -bewaeltigung zu finden sind. Es werden lediglich einige
Andeutungen dazu gemacht, die anzuzweifeln sind:
Da ist von "antagonistischen Interessengruppen" die Rede, was hieße, dass sehr unterschiedliche bis
gegensaetzliche Stellungen im Wirtschafts- und Finanzsystem zu sichten waeren, die entsprechend ihrer
andersgearteten oekonomischen Mittel auch in der Krise hoechst verschieden involviert waeren. Dies wird
bei Roth aber nicht weiter ausgefuehrt; angedeutet wird dies mit dem Hinweis, das z.B. die abhaengig
Beschaeftigten in der Krise einiges an Einkommensverlusten und Massenentlassungen zu spueren
bekaemen, waehrend Geldkapitaleigentuemer in der vergleichsweisen komfortablen Situation sind,
überschuessigen Geldreichtum zu verlieren oder einfach ihre Anlagen abziehen zu koennen, wo sich diese
nicht mehr als rentierlich erweisen.-Wissenschaftlich nicht vertretbar ist jedoch die lancierte Vorstellung,
trotz der angedeuteten Gegensaetzlichkeit der Interessengruppen waeren beide Gruppen zumindest
hinsichtlich der Ausloesung der Finanzkrise als ebenbuertige Akteure an dieser beteiligt: die Konsumenten
aufgrund ihrers ueberbordenden Verschuldung, die Wirtschaftsmaechtigen aufgrund so titulierten
"Investitionsstreiks von oben" (Roth,S. 59,60). Hier werden die antagonistischen Rollen der Akteure
beim Kreditgeschaeft geradezu verwischt: der normale Konsument nimmt Kredit auf wegen seiner
notorischen Geldnot - für den Kreditgeber ist derselbe Geschaefts- oder Kapitalvermehrungsquelle.Der
Arbeiter- oder Angestelltenhaushalt ist M i t t e l für das Verzinsungsinteresse von Glaeubigern und
zugleich O p f e r von deren Kreditspekulationen, wenn diese als nicht mehr haltbar erklaert werden und
für den Haeuslebauer oder dergl. der Offenbarungseid ansteht. Subjekte der Kreditwirtschaft und
Vollstrecker des finanzwirtschaftlichen Desasters für Schuldner, der Finanzkrise ueberhaupt sind folglich
Geldkapitalbesitzer, Geldhaeuser,Banken.




Karl Heinz Roth/Die globale Krise/VSA 2009
Rezension, Teil 2

In diesem Teil der Rezension geht es um die Passagen in dem Buch, die unter Krisenbewaeltigung
firmieren (s. Roth, Gl. Krise, insbes. S. 90-92).

Roths Diagnose und Rezept fassen sich darin zusammen, dass das Finanzmarktregime "zuwenig
reguliert'" worden waere.
Bezeichnenderweise kommt diese Ansicht im Ergebnis der eingetretenen Krise zustande: vor der Krise
waren offenbar "Deregulierung" oder jedenfalls Varianten abgestufter Reglementierung oder "liberalisierter"
Regelung der nationalen Geschaeftspraktiken die wirtschafts- oder ordnungspolitischen Mittel der Wahl.
Letzteres ist auch nicht verwunderlich:die Staaten vertreten gar nicht per se oder absolut den Standpunkt
der "Regulierung" oder "Deregulierung". Sie wollen erst einmal die Freiheit der Geschaeftsverfolgung,
um an deren Ertraegen i.w.S. (Ausbau der nationalen Wirtschaftskraft wie der Konkurrenzfaehigkeit
weltweit) und i.e.S. (Teilhabe in Form von Steuern etc.) zu partizipieren. Marktwirtschaftliches
Unternehmertum ist gar nicht anders denkbar, denn als freie Betaetigung von Kapitaleigentuemern
in der Konkurrenz gegeneinander um die Erzielung von Geldueberschuessen, als wechselseitiges
Streitigmachen derselben zwecks Vermehrung ihres Vermoegens. Dies ist so von den Staaten gewollt,
deren polit-oekonomische Raeson.Schranken setzen die politischen Waechter ueber das oekonomische
Treiben diesem uebergeordneten Prinzip nur in einer Hinsicht: die Konkurrenzsubjekte sollen sich in
ihrer Gegenaetzlichkeit nicht in einer Weise in die Quere kommen, dass dies für den gesamten
marktwirtschaftlichen Betrieb nicht mehr funktional ist. - In der Krise kommt die den Geschaeftsleuten
konzedierte Freiheit des Gewinnemachens dem Staat insofern stoerend,ohne das Prinzip der
Unternehmerfreiheit als solches in Frage zu stellen, wenn der uebergreifende nationalwirtschaftliche
und finanzielle Nutzen betreffend dessen hoheitlichen Haushalt ausbleibt.

Denn Krise heißt allgemein, dass Fabrikherren, Handel und Finanzmanager ihre Ansprueche auf
Vermehrung ihres Kaptitaleigentums in einer Weise uebertrieben haben,dass sie nicht mehr einzuloesen
sind, bzw. die Kreditspekulationen des Finanzkapitals umfassend und verallgemeinert nicht mehr
aufgehen (sog. Kredit- oder Spekulationsblase), die Ertraege also generell ausbleiben, Anlagen und
Kreditvolumina weitreichend abgeschrieben werden muessen - und der Staat bemerkt dies an signifikant
sinkenden Haushaltseinnahmen und Schwaechung der Wirtschaftspotenz insgesamt.

Sodann kommt es ins Spiel: die Sache mit der "Neujustierung" oder verschaerften Regulierung der
Finanzmaerkte, um angeblich "ausufernde" Geschaeftspraktiken oder "abenteuerliche" Finanzprodukt-
kreationen einzudaemmen.
Dass beides untrennbar zusammengehoert: die unternehmerische Freiheit und das Resultieren ihrer
Praktizierung in einer Ueberakkumulation von Ertragsanspruechen, wenn saemtliche Konkurrenten das
Gleiche wollen, die Okkupation jedweder Zahlungskraft oder auch nur herbeispekulierter Ertragsquelle,
wie es Finanzer in verselbstaendigter Spekulationssphaere abgeschieden vom Rest der ("reellen")
Geschaeftswelt perfektionieren - dies wird geleugnet, wenn es zur bloßen Frage reglementierenden
Eingriffs der hoechsten Gewalten erklaert wird. Der Zirkel von Regulierung-Krise-Regulierung und
dazwischen auch mal wieder Degulierung nimmt indes munter seinen Fortgang.


Solcherart Aufklaerung in kritischer Absicht findet sich so in dem Buch "Globale Krise" nicht wieder.


© 2015
by Projekt Kritische Politik- und
Sozialstaatsanalyse