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Rezension


Ulrich Schneider (Hg.)
Kampf um die Armut
Von echten Nöten und neoliberalen Mythen
Westend-Verlag, Frankfurt a.M., 2015



Statt Kritik der gesellschaftlichen Herstellung von Armut: Streiten
um die korrekte Maßzahl für Armut und gerechte Armenfürsorge



Die Autoren berichten von einer wachsenden Schere zwischen Arm und Reich,
machen daraus aber gar keinen Einspruch gegen die gesellschaftliche Herstellung
von Armut, nämlich die Klärung dessen, wie Armut auf der Art und Weise des
Zustandekommens von Reichtum im Kapitalismus gründet.
Diese Fassung von Armut läuft auf die Tautologie hinaus, Armut an einem Weniger
oder immer weniger bei den Armen im Verhältnis zu einem Mehr oder immer Mehr
bei den Reichen festzumachen. Armut wäre Folge wachsender Ungleichheit bei den
Einkommen: dies ist die naive Vorstellung von Armut als quantitativ Abweichendes;
Armut wäre, dass es weniger als das Mehr in der Einkommenshierarchie ist.

Der Aufschrei über ungerechte Einkommens- und Vermögensverteilung weiß sehr wohl
um den durch die reellen ökonomischen Machtverhältnisse begründeten Platzverweis
des niederen Volkes auf der gesellschaftlichen Skala von unten und oben: die Armuts-
experten und –betreuer fordern, dass bei „sparsamer Haushaltsführung“ (sic! Der Zwang
zum Geldeinteilen ist denen selbstverständlich) etwas zur „Teilhabe am gesellschaftlichen
Leben“ übrigbleiben müsse (dies soll großartiger materieller Gewinn sein, dass man
auch mal ins Kino oder Theater gehen kann!).

Sie propagieren die Maxime der Bescheidenheit, wenn die „Menschenwuerde“ das Kriterium
der Zuweisung dessen sein soll, was dem niederen Stand zustünde.

Dies ist auch die Grundlage dafür, statt Armut als solche, also von ihrem gesellschaftlichen
Grund her einer Erklärung zuzuführen, sich auf Verfahren der Messung von Armut einzu-
lassen, die Aufschluss darüber geben sollen, ab welcher Schwelle von Armut nicht mehr
von dieser geredet werden könne, sondern „menschenwürdiges“ Dasein vorliege:

So weisen Armutsforscher einerseits das sog. Warenkorb- oder Statistikmodell zurück, weil
es nicht für „Anbindungen an die Mitte der Gesellschaft“ sorge („Referenzgruppe für die
Armutsschwelle sind in diesem Modell ... immer die Armen“). - Statt dessen favorisieren
sie das „Konzept der relativen Einkommensarmut“ mit seiner 60%-Schwelle: arm sei ,
wer weniger als 60% des „mittleren Durchschnittseinkommens“ habe; bei weniger als
60% bestünde „Armutsrisiko“; im Falle von weniger als 40% herrsche „strenge Armut“.

Diese Besichtigung der grassierenden Armut vom Standpunkt des Operationalisierbaren
geht von Armut als festen Bestandteil marktwirtschaftlicher Reichtumsproduktion aus
und gefällt sich in der Rolle des Gestalterischen bei der Verwaltung der Armut - dabei
immer kritische Beäuger der wirklichen Mitverursacher und Manager der Armut v.a.
beim Staat, ob es bei deren Betreuungsleistungen für die Armen auch ja „gerecht“ zu-
geht, auf dass auch die letzteren ihren Frieden mit den Produzenten ihrer Armut finden
mögen.

Die falsche Bestimmung von Armut als mengenmäßiges Verhältnis zum zusammenge-
zählten Reichtum, welche Definition alles anderen als unbescheiden sein will, resultiert
auch in folgender Gemeinheit: Armutsgrenze müsse einerseits mit Reichtum mitwachsen;
andererseits müsse sie auch sinken, wenn Volkswirtschaften in Krise gerieten. Also:
es geht in Ordnung, wenn Armut kräftig verschärft werde, so die Instanzen des
Reichtums ihre Krise ausrufen, also an den Abhängigen ausbaden.
Soweit kommt man also: vom Anwalt der Armen zum Kronzeugen behaupteter Sach-
zwänge vermehrter Beutelung ihrer Klientel.





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