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Rezension zu K.-H. Brodbeck/
“Die fragwuerdigen Grundlagen der Oekonomie“,
Buchausgabe 2000



B. erhebt den Anspruch einer grundlegenden Kritik der „modernen
Wirtschaftswissenschaften“. Diese entpuppt sich bei naeherem
Hinsehen als grundverkehrt.
Bereits das „wissenschaftliche“ Hindurchblicken durch die Brille des
Philosophen („Eine philosophische Kritik...“) laesst aufhorchen bzgl.
der Seriositaet des Anliegens. Etwas parteilich aus bestimmter
Anschauung heraus statt unvoreingenommen zu begutachten, erweist
sich im Ergebnis immer als fehler- und ideologiebehaftet.
Dies wird exemplarisch an den Punkten Angebots- und Nachfrage-
funktionen wie Produktionsfunktionen durchgegangen und bewiesen.


1. Kapitel „Soziale Physik“ (S. 22 ff.)

B. haelt den VWLern entgegen, dass sie analog zur Physik „mechanisch“
vorgingen, wiewohl hinlaenglich bekannt sei, dass Naturgesetze
unabhaengig von Handeln und Wollen der Menschen sich Bahn braechen
- während „soziale Wirklichkeit“ von Menschen „bewirkt“ werde (S.30).
Abgesehen davon, dass letzteres inhaltsleere Tautologie ist, Wirklichkeit
waere was Bewirktes, wo also nichts Bestimmtes darueber verlautet, was
kapitalistische Realitaet auszeichnet, so verkennt der phil. Volkswirt B.
den Kardinalfehler volks- und betriebswirtschaftlicher Theorie: am
Beispiel der Angebots- und Nachfragetheorie und ihren Kurven
interessiert buergerliche Oekonomen an den oekonomischen Gegenstaenden
(und Charakteren) in der Marktwirtschaft nicht deren begrifflicher Gehalt,
sondern wie diese hinsichtlich irgendwelcher Groessenverhaeltnisse
Wirkung aufeinander entfalten. Es wird von B. absolut nicht richtig
gefasst, Angebots- und Nachfragekurven waeren mechanische
Nachbildungen dessen, was in den Naturwissenschaften gang und gaebe
ist. Es wird naemlich mit diesen Kurven durchaus ein Stueck Wirtschafts-
Realitaet wiedergegeben, statt nach B.'scher Manier in mechanistischer
Verfremdung: Dass die Anbieter eher bei hoeheren Preisen, die Nachfrager
bei niedrigeren Preisen zulangen, ist doch eine Banalitaet. Der Oekonom
ist scharf auf die Praesentation der mit Preisen, Angebots- und Nachfrage-
Mengen darstellbaren Wirkungskette-dass letztere sich bei bestimmtem
Preis traefen, dem „Gleichgewichtspreis“, mit dem der Markt „geraeumt“
werde - diese zufriedene Pose, die der VWLer damit einnimmt,
verharmlost das Gegensatzpaar Anbieter/Nachfrage einerseits zu
einem wirtschaftlichen Harmonieideal. Das Gewaltverhaeltnis zwischen
beiden, insofern, dass der eine den Preis setzt, dem der andere nicht
entkommt, wird hier ziemlich verniedlicht. Und insofern ist es auch
ziemlich unerheblich, ob hier nur ein vereinfachtes („Partial-“)Modell
vorliegt oder das Marktgeschehen „komplexeren“ Einflussfaktoren
unterliegt - wobei man nicht so recht gewahr wird, ob B. letzteren
Einlass als innere Angelegenheit der Wirtschaftswissenschaft meint
oder als (ueberfluessigen!) Hieb gegen letztere vorgetragen haben will.
Andererseits enthaelt der Verlauf der Angebots- und Nachfragekurven
eine Gestaendigkeit des VWLers: Preise sind offenbar für „Anbieter“ ein
Geschaeftsmittel, Mittel der Bereicherung; für Otto-Normal-Nachfrager
tritt der Preis dagegen als Hindernis entgegen, an die Gegenstände
seines Bedarfs zu gelangen, weshalb dem an moeglichst niedrigen Preisen
gelegen ist.
Entlang dieses Beispiels auch nur in Ansaetzen eine Kritik der buergerlichen
Wirtschaftswissenschaft einzuleiten, dies ist mithin nicht Sache des
volkswirtschaftlichen Philosophen Brodbeck!

Nebenbei bemerkt noch eine unverschaemte Verfehlung des B: hat dieser doch die
Frechheit, Marx in eine Reihe mit buergerlichen Wirtschafts
theoretikern zu stellen,
die sich allesamt "im mechanistischen Vorbild
einig" seien (S. 44): Dass die Untersu-
chung der kapitalistischen Ge
sellschaft nicht von dieser als Summe von Individuen
rede, sondern der
einzig korrekte wissenschaftliche Ansatz die Herleitung der Allge-
mein
heit der Verhaeltnisse ist, in denen die Individuen zueinander stehen, haelt der B.
entgegen, dass damit das Individuum "ausgeklammert"
werde, wo der Kritiker der Po-
litischen Oekonomie gerade festhalten
will,  w i e  das Individuum wissenschaftlich
korrekt vorzukommen habe.

Dass Marx von "Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion" spreche, sei dasselbe,
wie diese als Wirkung von "mechanischen Kraeften (S.45)
misszuverstehen: "Naturge-
setze" meint hier schlicht das am Kapitalis
mus Charakteristische, was sich auf der Grund-
lage der Etablierung von
Geld, Lohnarbeit und Kapital systemimmanent an oekonomi-
schen "Not
wendigkeiten" ableiten laesst und sich durchsetzt, was der B. voellig dane-
benliegend als Unentrinnbarkeit in bezug auf die letzteren hinstellt.
Der schlaue Professor weiss noch nicht mal von der Doppelbedeutung von "Natur":
in jedem Woerterbuch steht diese einmal als diese im eigentlichen/engeren Sinn
(von den Menschen unabhaengig existierende Umwelt mit ihren eigenen Gesetzmaessig-
keiten)  und zum zweiten in der Bedeutung von Wesensart von etwas (z.B. der Ge-
sellschaft, der  Oekonomie und dergl.) - und im letzteren Sinne kann ueberhaupt nur
die Marx'sche Redeweise von "Naturgesetzen der kap. Produktion" gemeint sein.
Auf  S. 44 ,45 stellt  B. sich  mit Zitieren einer anderen Marx'schen Passage
blind dagegen, worauf sich hier bezogen wird:

"Naturgesetze koennen ueberhaupt nichts aufgehoben werden. Was sich in historisch
verschiednen Zustaenden aendern kann, ist nur die Form, worin jene sich durch-
setzen."

Zitieren einen Satz von Marx, wo der nichts als die Trivialität festhaelt, dass
Naturgesetze nicht einfach ausser Kraft zu setzen sind, den eigentliche Fokus
darauf liegend nahelegt, wie die (gesellschaftlichen)  F o r m e n  beschaffen
sind, mit/in denen sich der Natur bemaechtigt wird; darin bereits enthalten ist
der Auftakt zu einer harschen Systemkritik, wie naemlich die Orientierung
gesellschaftlicher Produktion (oder „Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit“,
in welchem Kontext das von Brodbeck daraus herausgerissene Zitat steht)
an Wert, Tauschwert, weitergehend Mehrwert/Profit die Absurditaet einer
Produktionsweise kennzeichnet, die fuer nichts anderes als für einen
der Gebrauchswertschaffung  f e i n d l i c h e n  Zweck da ist, alles und
jedes, Natur wie Arbeitskraefte, zum Mittel geschaeftlicher Bereicherung zu
machen. - Um dieses vernichtende Urteil ueber den Kapitalismus scheren
sich Brodbeck und Co. nicht im Entferntesten: statt dessen  v e r d r e h e n
diese arroganten Schlaumacher dies dahingehend, Marx zum Quasi-
Vorlaeufer eines mechanistischen Weltbildes zu stempeln, wo eben das
Gegenteil bei dem Marx-Zitat vorliegt, wenn da verallgemeinernd von
sich veraendernden Formen die Rede ist, worin oder wodurch sich
Naturgesetze durchsetzen, im Speziellen: wie der Tauschwert die
Produktion regiert. O r i g i n a l –Zitat Brodbeck:
„Marx versuchte die Entwicklung der Gesellschaft in ihren naturgesetz-
lichen Verlauf zu beschreiben.“ (S. 45, „Die fragwürdigen Grundlagen...).

Darin sind nichts als Entstellungen und Bloedheiten in Bezug auf das
von Marx Gemeinte enthalten: Erklaerung des Kapitalismus ist nicht
dasselbe wie eine Beschreibung von Entwicklung (zumal welcher denn,
und welcher Gesellschaft?), sondern die Ableitung seines  polit-
oekonomischen Gewaltcharakters, der mit dem Gegensatz von Lohn-
arbeit und Kapital in die Welt kommt. Zweitens sind Wert, Preis, Geld,
Mehrwert,Kapital, Profit keine Bausteine in einem naturgesetzlichen Mechanis-
mus, sondern politoekonomische Kategorien einer Produktionsweise, die
von nichts als Ausbeutung und gesundheitlichen Ruinierung von Lohnarbeitern lebt.
Mit solche Brodbeck'schen Luegerei wird die Charakterisierung
saemtlicher Gemeinheiten der buergerlichen Sch.. um die Ecke gebracht.




2. Produktionsfunktionen

Brodbeck stoeßt sich daran, dass mit Produktionsfunktionen, wo Einsatz
irgendwelcher Faktoren zu bestimmtem Ergebnis fuehren wuerden, be-
behauptet werde, dass es zwischen Produktionsfaktoren und Produkt gleichsam
naturgesetzlich zuginge:
"Damit sind Produktionsfunktionen in der oekonomischen Theorie letztlich ein
Ausdruck der Zusammenhaenge, die in der Naturwissenschaft beschrieben wer-
den" (S.143,144).

Was soll dies fuer eine wissenschaftliche Relevanz haben, den Volks- und Be-
triebswirten vorzuhalten, dass Naturgesetze und deren Anwendung in Form von
Technologien im Betrieb nicht das Gleiche ist, dass in Produktionsfunktionen
saemtliche technische Spezifika des Einsatzes von Arbeit, Stoffen und Maschinen
samt Produktions-/Arbeitsorganisation untergehen bzw. gar nicht abzubilden in
der Lage sind? Es stimmt genaugenommen so auch gar nicht:  es wird in  die-
sen kunstvollen mathematischen  Abbildungen gar nicht behauptet, das sei das
Gleiche wie  naturgesetzliche  Konstruktionen. Der Unsinn ist vielmehr, dass
als  Inputs einerseits, Outputs andererseits voellig inkommensurable  Groessen
ins Verhaeltnis gesetzt werden: den sog. Faktoren einerseits und dem Produk-
tionsergebnis andererseits fehlen wegen ihrer ganz unterschiedlichen qualitati-
ven Eigenschaften jedes gemeinsame Mass, aufgrund dessen diese ueberhaupt
erst in eine quantitative Beziehung eingehen koennten. Es wird als allgemeine
Produktionsgesetzmaessigkeit hingestellt, wo im Grunde marktwirtschaftliche
Produktionsweise unterstellt wird. Deshalb:
Die kap. Qualitaet des Produktions-
prozesses verkommt hier zu furchtbar kompliziertem Wirkungsverhaeltnis von
Faktoren, nivelliert hinsichtlich ihrer oekonomischen Gegensaetzlichkeit als
Kapital und Lohnarbeit, und einer "Ausbringung".
- Oder anders: Abgesehen
von der mathematischen Konsistenz der Produktionsmodelle/-funktionen und
der produktionstechnischen Aussagefaehigkeit derselben fuer sich - hier geht
es primaer um die Aufdeckung deren politoekonomischer Fehlerhaftigkeit -, 
faellt auf, dass hier von Beziehungen zwischen Produktionsmitteln i.w.S. und
-resultat die Rede ist erst mal ganz getrennt von den oekonomischen Zwecken,
denen alle Produktion im Kapitalismus gehorcht; in erweiterten Modellen soll
das Geld als Zusatzelement der mathematischen Geflechte erst noch hinzu-
kommen - als ob sich nicht von vornherein alles ums Geld und dessen Vermeh-
rung dreht, alles tote und lebendige Produktionsmaterial in seiner Kapitaleigen-
schaft in der Produktion eingefuehrt und in Gestalt von Kapitalrueckfluss plus
-ueberschusss diese als Verwertungsprozess einstweilen ihren Abschluss fin-
det, um dies Procedere als rastlose Bewegung fortzusetzen.

Schlusswort:
Viel erkenntnisfoerderlicher als der Streit, ob in Produktionsmodellen von
Naturgesetzlichkeit die Rede sein kann, waere es also zu klaeren, wie im
kapitalistischen Betrieb Technologie und Produktionsverfahren als Mittel der
Leistungsauspressung des "subjektiven Faktors"  vorkommen, wie mit der Or-
ganisierung desselben fuer geschaeftliche Zwecke Lohnarbeiter fuer die
Produktion von Reichtum getrennt und im Gegensatz zu ihnen als Kapital,
dessen bestaendiger Reproduktion samt Kapitalueberschuessen verheizt wer-
den, was in der buergerlichen Betriebslehre als sachliche Abwicklung von
der Beschaffung, ueber Produktion bis zur Absatzwirtschaft vorstellig ge-
macht wird.

Dies liegt volkswirtschaftlichen Philosophen fern, an den buergerlichen Wirt-
schaftswissenschaftlern zu kritisieren deren Beschoenigung kapitalistischer
Produktion als wohlgeordnetes Miteinander von Lohnarbeit und Kapital, wo
nichts als die Kommandogewalt von Monopolbesitzern ueber saemtliche Pro-
duktionsmittel und -bedingungen ueber die Arbeit am Werk ist.



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